Historie
Die Seminarturnhalle in Stade, ein denkmalgeschütztes Gebäude am Rande der Altstadt, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und dient heute als Kulturspielstätte.
Im Folgenden ein Text von Dr. Jürgen Bohmbach, Stadtarchivar des Stadtarchivs Stade von 1977 bis 2010
Auch in Stade wird geturnt
Erste Anfänge des Turnens sind in Stade im Jahr 1833 nachweisbar. Das Hannoversche „Oberschul-Kollegium“ hatte allen Gymnasien in einem Rundschreiben Turnübungen empfohlen. Der Direktor des Gymnasiums Athenaeum, Sattler, legt dem Magistrat daraufhin einen Plan zu „gymnastischen Übungen“ vor. Diese Übungen sollen auf einer Ecke des Exerzierplatzes durchgeführt werden. Wie lange und mit welcher Intensität dies geschah, ist aber nicht bekannt. Neben eigentlich gymnastischen Übungen und dem Werfen von Stangen ist auch das Turnen an Barren und Reck vorgesehen.

10 Jahre später, 1843, wird jedoch beschlossen, eine „Turnanstalt“ einzurichten, und nach einigem Suchen findet man einen Platz an der Horst im Süden des Garnisonkirchhofes. In den folgenden Jahren werden Turngeräte beschafft und zumindest zeitweise auch ein Turnlehrer angestellt.
Der 1849 gegründete Schul-Turnverein, der ebenfalls den Turnplatz am Südrand des Garnisonfriedhofes benutzt, könnte den Anstoß zur Gründung des Männerturnvereins am 15. Juli 1850 gegeben haben. Nach dem Bericht des Stader Bürgermeisters Neubourg ein Jahr später, am 30. August 1851, besteht dieser Turn-Verein aus etwa 20 jungen Männern des Bürgerstandes.
In großem Maße verantwortlich für den Aufschwung, den der Männerturnverein ab 1860 nimmt, ist der Buchhändler Friedrich Steudel jun., der älteste, 1838 in Stade geborene Sohn des Buchbinders Johann Paul Friedrich Steudel. Er wird die treibende Kraft des Vereins; 1859 entwickelt er den Plan für die Gründung einer Turner-Feuerwehr innerhalb des Vereins, die sicher zur Akzeptanz des Vereins in der städtischen Gesellschaft beiträgt. 1860 wird Friedrich Steudel Turnwart des Vereins, der 1859 erst 40 Turner und 2 Ehrenmitglieder hat.
Das zahlenmäßige Wachstum des Vereins erreicht seinen Höhepunkt Anfang 1862, als dem Verein 101 aktive Turner und 169 Turnfreunde angehören. Im Zentrum der Aktivitäten steht jetzt die Werbung und Sammlung für eine Turnhalle. Am 8. September 1862 veröffentlicht der Männerturnverein einen entsprechenden programmatischen Aufruf; man habe insbesondere anregend auch auf die Schuljugend gewirkt, da erst durch die Ausbildung von Vorturnern auch ein systematisches Turnen möglich geworden sei. Diese positive Entwicklung drohe aber stecken zu bleiben, wenn man sich nicht ein „Local für das Turnen im Winter“ schaffen könne. Gerade im Winter, wenn es an Bewegung im Freien fehle, sei das Turnen besonders notwendig.
Insgesamt werden für den Grundstückserwerb und den Bau 5.000 Reichstaler veranschlagt, von denen der Verein 2.000 selbst aufzubringen hofft; 600 Reichstaler befinden sich bereits in der Rücklage. Die restlichen 3.000 Reichstaler müssten durch zinslose Darlehen der Bürger beschafft werden.
Der Aufruf wird vom Konrektor des Athenaeums Krause, dem Advokaten Volger, dem Weinhändler Cornelsen, dem Gerber Kortkampf, dem Geldschrankfabrikant Christian Rapp sowie Vater und Sohn Friedrich Steudel unterzeichnet. Krause, der auch eine wichtige Position im 1856 gegründeten Stader Geschichts- und Heimatverein hat, ist der Vorsitzende der für das Projekt gebildeten „Turnhallen-Kommission“.
Am darauffolgenden Tag, dem 9. September 1862, erhält der Verein auch die Genehmigung, Haussammlungen durchführen zu dürfen. Die Sammlung erbringt immerhin mehr als 1.000 Reichstaler.

Das Jahr 1863 und die Einweihung der Turnhalle
Das folgende Jahr 1863 ist für den noch jungen Männerturnverein von großer Bedeutung. Zunächst gibt sich der Verein am 30. März neue Statuten, die „Gesetze des Männer-Turnvereins zu Stade“, die die Statuten von 1853 ersetzen. Vereinszweck ist jetzt, seine Mitglieder „möglichst vielseitig in körperlicher und geistiger Hinsicht auszubilden“. Der Verein besteht aus Turnern, Ehrenmitgliedern, Turnfreunden, Zöglingen und Schülern. Stimmberechtigte Mitglieder sind nur die Turner und die Ehrenmitglieder, Turnfreunde haben nur beratende Stimme, ihre Interessen werden aber im Vorstand durch ein eigenes Vorstandsmitglied vertreten. Zöglinge im Alter von 14-17 Jahren und Schüler (7-13) dürfen an Versammlungen nicht teilnehmen, gelten aber als Mitglieder und haben einen Beitrag zu entrichten.
Im selben Jahr 1863 gelingt es dem Verein aber auch, das ehrgeizige Projekt des Turnhallenbaus durchzuführen. Die Gesamtkosten betragen 4.846 Reichstaler. Am 30. August 1863 kann die Turnhalle an der Seminarstraße mit dem ersten Turnfest des Unterelbe-Bezirks eingeweiht werden. Festpräsident ist Friedrich Steudel, der nach einer zeitweiligen Pause wieder Turnwart des Vereins geworden ist und wohl auch maßgeblich die Änderung der Vereinsstatuten beeinflusst hat. Die Festteilnehmer tragen alle eine „schwarz-roth-gelbe Schärpe“.
Die Turnhalle wird zur Last

Knapp 50 Jahre nach der Einweihung der Turnhalle an der Seminarstraße ist der „Männer-Turn-Verein Stade“ offenbar in derartige finanzielle Schwierigkeiten gekommen, dass er mit einem Brief vom 16. Juli 1911, der vom Vorsitzenden Julius Walther und dem Schriftwart W.D. Haack unterschrieben ist, seine Vereinsturnhalle der Stadt zum Kauf anbieten muß. Die Halle, die 1906 erneut umgebaut worden war, erfordere so viele Zuwendungen, dass man diese auf absehbare Zeit nicht werde tragen können.
Ein Grund dafür seien die Mietausfälle, weil die Schulen die Halle nicht mehr wie in früheren Jahren benutzten. Insbesondere das Gymnasium habe früher viele Turnstunden besetzt, die jetzt aber in der eigenen Turnhalle durchgeführt würden. Man müsse die Turnhalle daher verkaufen und wolle sie zuerst dem Magistrat anbieten. Wenn die Stadt nicht zugreife, dann werde man sie zum 1. Oktober „zu anderen Zwecken verkaufen müssen“.
Vor einer Antwort fordert der Magistrat den Direktor der Mädchenschule, Dr. Irrgang, zu einer Stellungnahme auf. Irrgang lehnt den Kauf der Halle ab, weil ein „freier Turnplatz“ neben der Halle fehle. Dies sei aber erforderlich, weil nach den geltenden Bestimmungen im Freien geturnt werden müsse, sobald es die Witterung erlaube. Die Schulaufsicht würde also in jedem Fall irgendwann fordern, eine Turnhalle mit Spielplatz herzustellen. Außerdem entspreche die Turnhalle, obwohl sie vor einigen Jahren renoviert worden sei, in ihrer Ausstattung nicht allen Anforderungen. Die Grundfläche der Halle sei auch nicht groß genug.
Obwohl Irrgang also vom Kauf abrät, macht er aber darauf aufmerksam, dass die Turnhalle der Volksschule an der Wallstraße nicht mehr ausreiche, man also die Vereinsturnhalle als „Notbehelf“ zumindest für die Ober- und Mittelstufe anmieten müsse.
Der Verein reicht der Stadt eine Übersicht der aktuellen Nutzung nach. Die Halle, 17×12,5 Meter groß, ist nach dem Umbau von 1906 mit gut 16.000 Mark bei der Brandkasse versichert, dazu die Geräte mit 3.000 Mark. Sie wird zur Zeit an 25 Stunden in der Woche genutzt, vor allem von der Knaben-Mittelschule mit 15 Stunden und dem Verein selbst mit 7 Stunden. Die jährlichen Mieteinnahmen betragen 450 Mark im Jahr.
Entsprechend den Vorstellungen Irrgangs treffen sich Bürgermeister Jürgens und der Vereinsvorstand zu einem Gespräch. Die städtischen Vorschläge eines Provisoriums auf ein Jahr lehnt der Verein jedoch am 29. August schriftlich ab, man wolle die Turnhalle auf jeden Fall jetzt verkaufen.
Der Streit um den Kauf der Halle
Wie zu erwarten, lehnt das Bürgervorsteher-Kollegium daraufhin mit Mehrheit den Kauf der Halle ab. Statt dessen wird ein neuer Mietvertrag mit dem Männerturnverein abgeschlossen und die Erhöhung der Stundenmiete auf 40 Mark im Jahr akzeptiert. Gleichzeitig werden aber bereits Verhandlungen mit dem Gastwirt Schulze, Eigentümer des Hotels „Stadt Lüneburg“, Holzstraße 2, aufgenommen, der seinen Saal mit den darin befindlichen Turngeräten für das Schulturnen anbietet. Er fordert nur eine Miete von 25 Mark die Stunde. Sein Angebot wird angenommen, die Zahl der Turnstunden in der Turnhalle am Salztor offenbar verringert.
Schon sehr bald nach dem Ende des Ersten Weltkrieges versucht der Verein erneut, die Halle an die Stadt zu verkaufen. Am 28. Juli 1920 schreibt Ferdinand Böttger, der neue Vorsitzende, man beabsichtige, die Turnhalle zu verkaufen, die inzwischen 35 Stunden in der Woche von den städtischen Schulen genutzt wird. Die Preisvorstellung des Vereins liegt bei knapp 100.000 Mark, davon 80.000 Mark allein für Gebäude und Grundstück.
Wohl wegen der Höhe der Forderung kommt es zunächst nicht zu Verhandlungen. Die Stadt bietet dann Anfang 1921 40.000 Mark an. Am 1. März 1921 teilt Böttger der Stadt mit, der Verein habe ein Kaufangebot, das 30.000 Mark höher liege, und der Magistrat beschließt daraufhin, sein Angebot auf 50.000 Mark zu erhöhen. Daraufhin kommt es zu ernsthaften Verhandlungen, und am 26. Mai 1921 wird der Kaufvertrag abgeschlossen. Die Stadt zahlt als Kaufpreis 55.000 Mark. Sie verpflichtet sich außerdem, dem Verein die Turnhalle für höchstens fünf Jahre nach Vertragsabschluß in den Abendstunden zur Verfügung zu stellen. Der Verein zahlt dafür die auf seine Stunden entfallenden anteiligen Unkosten. Das Mietverhältnis kann nach den fünf Jahren mit beidseitigem Kündigungsrecht verlängert werden.
Die Turnhalle im städtischen Besitz
Dem Vertrag liegt eine Liste der beweglichen und unbeweglichen Geräte an. Zur Einrichtung der Halle gehören zwei Barren, zwei Pferde, zwei Springböcke, sieben Sprungbretter, sechs Sprungständer, drei Sprungleinen, ein Springtau, vier Schwebebalken, vier „Kasten für Mädchenturnen“, 48 Keulen, 71 kleine Hanteln – die größeren Hanteln fehlen – und fünf Matten. An festen Geräten sind vorhanden Reckständer, Reckstangen, Klettertaue, Kletterstangen, ein sechsteiliger Rundlauf.

In welchem Maße der Männerturnverein mit der baulichen Unterhaltung der Turnhalle finanziell überfordert war, zeigt die Tatsache, bereits Ende 1921 über 7.500 Mark für die notwendigsten Reparaturarbeiten bewilligt werden müssen. Anfang 1922 wird beschlossen, einen Anbau an die Halle durchzuführen, durch den im Erdgeschoß ein Umkleideraum, Toiletten und Waschgelegenheit, im Obergeschoß eine Wohnung geschaffen werden sollen. Für die Instandsetzung der Halle sollen außerdem noch weitere knapp 29.000 Mark ausgegeben werden.
Die Halle wird zunächst, wie im Kaufvertrag vereinbart, weiter auch von den Gruppen des Männerturnvereins genutzt. Aus den ersten Jahren ist die Beschwerde der Hausmeistersfrau überliefert. Sie gibt am 8. September 1923 zu Protokoll:
„Bei dem Turnen des Männerturnvereins geht es verschieden laut her. Während wir beim Turnen der ‚Alten Männerriege’ absolut nicht gestört werden, geht es beim Turnen der jüngeren Leute recht lebhaft zu, vor allen Dingen wird sehr viel mit den Türen geschlagen. Unerträglich ist es aber in den Abenden, an denen die Damenriege turnt. Es stehen dann auch während des Turnens schon junge Leute auf der Straße, die sich durch die Fenster des Ankleideraums mit den Turnerinnen unterhalten. Diese Unterhaltung ist aber so laut, dass wir davor nicht schlafen können. Es wird dabei gepfiffen, gesungen und sonstiger Lärm verursacht…“.
Was wird aus der Turnhalle?
Etwa 70 Jahre wird die alte Turnhalle noch weiter von den städtischen Schulen und unterschiedlichen Gruppen genutzt, auch wenn sie den wachsenden Anforderungen schon lange nicht mehr entspricht und in den letzten Jahrzehnten dringend hätte instand gesetzt werden müssen. Darüber hinaus gehören entsprechend dem Stand der Zeit eingerichtete Turnhallen im 20. Jahrhundert zur Pflichtausstattung von Schulen, was die Nachfrage notwendig verringert. Dennoch gibt es noch viele erwachsene Staderinnen und Stader, die sich an ihre Erlebnisse in der alten Turnhalle erinnern und sie vielleicht sogar etwas verklären.
Noch in den 1950er Jahren finden in der Turnhalle an der Seminarstraße wie in den anderen Schulturnhallen die unterschiedlichsten Aktivitäten der verschiedenen Turngruppen des VfL Stade statt. In dem Bodenraum über der Turnhalle, nur auf einer schmalen Treppe erreichbar, werden beispielsweise Sketche aufgeführt.
In den letzten Jahren wird die alte Turnhalle – die „Seminarturnhalle“, wie sie jetzt meist genannt wird – jedoch überhaupt nicht mehr genutzt. Wegen der fehlenden Nutzung und des anerkannt hohen Reparaturbedarfs wird selbstverständlich auch die Frage gestellt, ob die Turnhalle gehalten werden kann. Ohne Frage ist sie allein wegen ihres Alters und der tragenden Stahlkonstruktion im Inneren ein Baudenkmal, für dessen Erhaltung sich daher u.a. auch der Niedersächsische Heimatbund ausspricht. Es gelingt 2004, die notwendigen Mittel für die Sanierung der Außenhaut bereitzustellen, die im Jahr 2005 durchgeführt wird.
Das wichtigste Problem allerdings bleibt noch zu lösen. Es muss ein Nutzungskonzept entwickelt werden, das sowohl den erforderlichen Innenumbau ermöglicht als auch die Unterhaltung des Gebäudes trägt. Nach übereinstimmender Meinung des Rates soll die Turnhalle an einen noch zu gründenden Verein oder eine vergleichbare Trägereinrichtung überlassen werden. Die Turnhalle, deren Denkmalcharakter weitestgehend erhalten bleiben soll, ist ein fast idealer Veranstaltungsort für Kleinkunst, freies Theater, bildende Kunst, experimentelle Musik.
Der Katalog lässt sich fast beliebig erweitern. Es fehlt ein Veranstaltungsraum, der nicht so groß ist wie das STADEUM oder so förmlich und festgelegt wie der Königsmarcksaal des Historischen Rathauses. Hier könnte ein lebendiges buntes vielgestaltiges kulturelles Leben stattfinden. Konzepte sind weitgehend auch schon vorhanden, es kommt nun darauf an, sie auf eine feste organisatorische und finanzielle Grundlage zu stellen.